Schweizer Vorsorgesystem verstehen

Altersvorsorge 2020. Bist du Gewinner oder Verlierer der Reform

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Diese Frage zu beantworten ist alles andere als trivial. Ob du dich als Gewinner oder Verlierer ansiehst, hängt von persönlichen Faktoren ab. Beispielsweise deinem Alter, Geschlecht, Einkommen. Und nicht zuletzt von deiner Einstellung. Wie siehst du dich?

Grundsätzlich gilt: Alle gewinnen, weil es ein Schritt in die richtige Richtung ist und die Finanzierung der Rentenverpflichtungen, also das System, verbessert. Was genau geschieht:

Die AHV, die Grundabsicherung, ist umlagefinanziert, sie speist sich aus Beiträgen auf Erwerbseinkommen und einer Zuweisung aus der Mehrwertsteuer. Damit werden die Ausgaben für Leistungen gedeckt. In der Vergangenheit hat dies gut funktioniert, weil die geburtenstarken Jahrgänge «viel» eingezahlt haben, und ihnen «wenig» Rentenempfänger gegenüberstanden. Damit konnten die AHV-Renten in der heutigen Höhe finanziert werden. Mit steigender Lebenserwartung und sinkender Geburtenzahl sinkt sowohl die Einnahmeseite und steigt auch die Ausgabenseite: Die Schere geht unaufhaltsam auf und seit 2014 hat die AHV ein Finanzierungsdefizit. Heisst die Einnahmen decken die Ausgaben nicht mehr.

Auch in der 2. Säule, der beruflichen Vorsorge, sind die Rentenversprechen an heutige und künftige Rentner nicht ausreichend durch deren Altersguthaben gedeckt, weil die Lebenserwartung deutlich gestiegen und zudem auch das Renditeniveau gesunken sind. Daher werden heute Rentner über die Erwerbstätigen quersubventioniert. Wie kommt das? Das BVG-Altersguthaben wird von den Pensionskassen mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Umwandlungssatz von derzeit 6.8% in eine Rente umgewandelt. Um diesen Verpflichtungen nachzukommen, wurden und werden durch viele Pensionskassen die erzielten Renditen aus den Guthaben der Erwerbstätigen als Zahlungen an die Rentner ausgerichtet. Die Erwerbstätigen erhalten eine tiefere Renditegutschrift auf ihrem Altersguthaben, also tiefer als die Rendite, die die Pensionskasse effektiv auf ihrem Kapital erzielt hat. Der Umfang der Umverteilung wird für 2015 auf rund 5.3 Mrd CHF geschätzt – obwohl die Pensionskassen Gegenmassnahmen eingeleitet haben. Diese Umverteilung widerspricht dem Prinzip der kapitalgedeckten 2. Säule. Zu diesen sogenannten «Pensionierungsverlusten» aus Sicht Pensionskasse tragen noch weitere Effekte bei wie z.B. zu hoher technischer Zins, Anlagestrategie oder das Niedrigzinsumfeld.

Das Phänomen der Quersubventionierung von Rentnern der 2. Säule durch die Erwerbstätigen derselben Pensionskasse tritt schon seit rund 10 Jahren auf. Auch das Regelwerk der 2. Säule hat somit Sanierungsbedarf.

Hintergründe zu den Gewinnern
Mit der geplanten Altersvorsorge 2020 gewinnen besonders:
  • Die Jahrgänge ab Mitte 50, also «kurz» vor dem ordentlichen Rentenalter – sie bekommen eine um monatlich 70 CHF erhöhte Altersrente, ohne dafür im Arbeitsleben äquivalente AHV-Beiträge geleistet zu haben.
  • Frauen, Teilzeitbeschäftigte und Personen mit tiefen Einkommen oder mehreren Arbeitgebern – sie profitieren ebenfalls vom 70 CHF Rentenzuschlag sowie zusätzlich der reduzierten Eintrittsschwelle in die 2. Säule und dem gleichzeitig erhöhten versicherten BVG-Lohn. Besonders profitieren die Bezieher von Einkommen im Bereich zwischen rund 21’000-53’000 CHF; rund 2/3 der Versicherten in diesem Lohnbereich sind Frauen.
  • Versicherte über 45 Jahre bekommen als «Übergangsgeneration» als Besitzstandsschutz eine Rentengarantie für das aktuelle BVG-Leistungsniveau. Die Garantie wird aus dem BVG-Sicherungsfonds finanziert wird – der wiederum via Pensionskassen durch die Erwerbstätigen gespeist wird.
  • Ehepaare und Paare in eingetragener Partnerschaft, bei denen die Rentenplafonierung, also die Rentendeckelung, in der AHV von 150% auf 155% angehoben wird.
  • Alle heutigen Rentner von AHV und BVG – sie profitieren weiter von ihrem bisherigen Rentenniveau bei AHV und Pensionskasse und unverändert hohem Umwandlungssatz, ohne eine relevante Sanierungslast zur gestiegenen Lebenserwartung zu tragen. Die AHV-Rentenerhöhung erhalten sie jedoch nicht

Es gilt aber auch: Es verlieren vor allem jüngere Versicherte. Die Kommunikation dazu ist mehr oder weniger transparent. Experten haben in einer umfangreichen Studie ermittelt, dass die Reform nicht weit genug geht um ein stabiles, nachhaltiges System zu etablieren, das den demografischen Entwicklungen in ausreichendem Umfang Rechnung trägt. Kritiker finden es störend, dass die AHV-Rentenanpassung in der 70 jährigen AHV-Geschichte erstmals nur einer Gruppe, den Neurentnern, zu Gute kommt und, dass die im Parlament am besten vertretene Bevölkerungsgruppe – finanziell gut gestellte, meist verheiratete Babyboomer der Altersklasse 45 bis 65 Jahre – am meisten profitieren. Nun, die Hälfte aller Wähler ist über 50 Jahre alt, sie profitieren von der Reform. Jüngere interessieren sich meist nicht so stark für die Altersvorsorge, und deren Kinder werden nicht gefragt. Diese Gruppen tragen die Lasten dieser Reform, sie zahlen die Hypothek ab. Indexierungen beispielsweise des Renteneintrittsalters standen bei dieser Reform der Sozialwerke nicht zur Diskussion.

Hintergründe zu den Verlierern
Je jünger du bist, desto ungünstiger ist die Reform für dich.
  • Die AV2020 löst die Finanzierungsprobleme der AHV nicht vollständig. Die Finanzierung der Leistungsversprechen ist auch nach der Reform noch nicht zu 100% gedeckt. Das Finanzierungsloch reduziert sich lediglich von 170% der jährlichen Wirtschaftsleistung auf rund 135%.
  • Für jüngere BVG-Versicherte sinkt der Umwandlungssatz nicht so stark, wie er sinken müsste um die bereits erfolgten BVG-Rentenzusagen nachhaltig zu finanzieren. Die Erwartungen der jüngeren Versicherten an ihre künftige BVG-Rente sind zu hoch. Ausserdem finanzierst du die Rentengarantie der Übergangsgeneration. Ferner hast du weniger Netto vom Brutto, weil dein BVG-Beitrag steigt, mit dem du zwangsweise dein persönliches Altersguthaben aufbaust.
  • Du hast weniger Netto vom Brutto, weil dein AHV-Umlagebeitrag steigt.
  • Du zahlst aufgrund deines jungen Alters länger eine erhöhte Mehrwertsteuer als ältere, die aus diesem Finanzierungsbeitrag ihre AHV-Rente beziehen.

Also, Wie wirst du abstimmen? Gesellschaftlich gesehen ist die Reform notwendig. Ob du diese oder vielleicht eine künftige Reform ausgewogen findest, musst du selbst entscheiden. Eines ist sicher: Die Bevölkerung altert weiter. Das heisst, das Verhältnis zwischen Empfängern und Zahlern verändert sich weiter. Ziemlich sicher ist, dass dies nicht die letzte Reform der Altersvorsorge sein wird und die Themen höheres Rentenalter, verbesserte Rentenfinanzierung, Rentenniveau und damit Wohlstand im Alter sowie Umwandlungssatz wieder auf den Tisch kommen werden.

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