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Berufliche Vorsorge. Höhere Einkommen sind selbst gefordert

Lesedauer 4 Minuten

Die aktuelle Pensionskassen-Studie zeigt: Es wird knapp in der 2. Säule. Die Pensionskassen haben Massnahmen ergriffen, um unsere Renten zu sichern – jedoch auf tieferem Niveau. Besonders Einkommen über 78’000 Franken werden in diesem System weniger erhalten. Wer mehr verdient sollte selbst vorsorgen.

Jedes Jahr erstellt Swisscanto eine umfangreiche Studie, bei der 535 Pensionskassen mit 4.1 Millionen Versicherten und fast 700 Milliarden verwalteten Vermögen Daten liefern. Die Studie repräsentiert die Situation der beruflichen Vorsorge in der Schweiz. Das haben wir daraus gelernt:

Zentrales Problem der zweiten Säule ist die zunehmende Lebenserwartung

In den letzten Jahrzehnten ist die Restlebenserwartung nach der Pensionierung gestiegen und die Geburtenzahlen sind gesunken. In den letzten 30 Jahren stieg die durchschnittliche Rentenbezugsdauer von 14 auf fast 20 Jahre bei Männern und etwa 23 Jahre bei Frauen. Ausserdem gehen fast 60 % der Versicherten im Durchschnitt 1.5 Jahre vor dem ordentlichen Rentenalter in Pension. Dies wird dazu führen, dass 2035 2.3 Erwerbstätige einen Rentner finanzieren müssen.

Längere Rentenbezugsdauer führt zu sinkenden Neurenten

Dein Altersguthaben in deiner Pensionskasse wird mit einem Umwandlungssatz in eine Rente umgerechnet. Je höher der Umwandlungssatz, desto höher die Rente auf dein Alterskapital. Derzeit gilt: Auf 100’000 Franken Alterskapital bekommst du 6’800 Franken Rente pro Jahr. Lebenslang. Seit 2008 gilt dieser Umwandlungssatz von 6.8 %, obwohl in der gleichen Zeit die Rentenbezugsdauer gestiegen ist. Das bedeutet, dass die Rentenleistung ausgebaut wurde. Vielleicht nicht beabsichtigt aber faktisch. Zumindest für alle, die schon in Rente gegangen sind oder demnächst in Rente gehen. Auf der anderen Seite haben die Pensionskassen in den letzten Jahren weniger bei ihren Anlagen erwirtschaftet, die noch zu einem substanziellen Teil aus Obligationen bestehen. Durch den faktischen Rentenausbau und die sinkenden Erträge wächst die Lücke zwischen Rentenverpflichtungen und dauerhaft realistisch erzielbarer Kapitalrendite für die Pensionskassen.

Diese Massnahmen der meisten Pensionskassen führen zu sinkenden Neurenten
  • Die Anwendung tieferer Umwandlungssätze auf die überobligatorischen Guthaben, was zu tieferen Renten führt
  • Der Einsatz von Periodentafeln statt Generationentafeln zur Berücksichtigung der steigenden Lebenserwartung, was den Deckungsgrad reduziert
  • Die Senkung des technischen Zinssatzes auf aktuell im Durchschnitt 1.98 %. Je tiefer der technische Zinssatz, desto vorsichtiger rechnet die Kasse und bildet bereits heute desto mehr Rückstellungen für die zukünftigen Rentenverpflichtungen. Eine Senkung reduziert die Umverteilung von aktiven Versicherten zu bereits Pensionierten, führt bei Neurentnern zu tieferen Renten und erhöht so den Deckungsgrad
  • Die Abschaffung von AHV-Überbrückungsrenten für Personen, die frühpensioniert werden, was eine Leistungskürzung bedeutet
  • Die Förderung von Kapitalbezug statt Renten, was zu einer Übertragung des Langlebigkeitsrisikos an die Pensionierten führt

Umhüllende Umwandlungssätze liegen unter den BVG-Umwandlungssatz

Der umhüllende Umwandlungssatz ist ein durchschnittlicher Umwandlungssatz auf Obligatorium und Überobligatorium. Dieser lag 2017 bei Pensionskassen im Durchschnitt nur noch bei 5.83 %. Das ist rund ein Prozentpunkt unter der gesetzlichen Vorgabe für die obligatorischen Guthaben. Und dies liegt bereits unter dem Wert von 6 %, der in der gescheiterten AV2020-Vorlage noch politische Zielgrösse war. Das bedeutet, dass du auf 100’000 Franken Altersguthaben also noch 5’830 Franken Rente erhältst.

Darf meine Pensionskasse einen Umwandlungssatz unter 6.8 % anwenden?
Das sogenannte Anrechnungsprinzip erlaubt es Vorsorgeeinrichtungen, die auch überobligatorische Leistungen versichern, den sogenannten umhüllenden Umwandlungssatz auch unter das gesetzliche Minimum zu senken, solange sie gesamthaft die gesetzliche (BVG-) Minimalrente einhalten. Du kannst also davon ausgehen: Je höher dein überobligatorisches Guthaben ist, desto stärker wird deine heute ausgewiesene Rente in Zukunft noch fallen, denn an der Senkung des Umwandlungssatzes für die obligatorischen Guthaben führt mittelfristig kein Weg vorbei.

Aktive Versicherte finanzieren zu hohe Umwandlungssätze mit Mindererträgen

Heute führt der geltende Umwandlungssatz von 6.8 % dazu, das laufende und neue Renten mit zu hohen Ansprüchen finanziert werde müssen. Um diesen Satz zu halten müssten Pensionskassen mit ihren Anlagen dauerhaft 5 % Rendite erwirtschaften. Die Vorsorgeeinrichtungen erwarten auf ihrem Vermögen im Mittel jedoch nur 3.0 %, rund drei Viertel erwarten sogar eine Rendite unter 3 %.

In der Konsequenz bleibt den Vorsorgeeinrichtungen daher nichts anderes übrig, als jährlich Erträge der aktiven Versicherten, nicht deren Konten gutzuschreiben, sondern als Transfers zur Deckung laufender Rentenverpflichtungen einzusetzen. Die Vermögenserträge der Versicherten landen also nicht in vollem Umfang als Gutschrift auf deren inividuellen Konto, sondern fliessen als Umverteilung an die Rentner der jeweiligen Pensionskasse. Dieser Effekt ist umso ausgeprägter, je grösser das eigene Altersvermögen ist und je grösser der Anteil der Rentneranteil in der Pensionskasse ist. Ausserdem fehlen der Pensionskasse die Mittel zum Aufbau einer Wertschwankungsreserve. Es findet also auch in der 2. Säule wie schon in der 1. Säule eine jährlich steigende Umverteilung statt.

2017 war ein sehr gutes Anlagejahr: Das durchschnittliche Anlageergebnis auf dem Anlagevermögen lag bei 7.6 %. Deutlich mehr als die Hälfte der teilnehmenden Kassen haben mehr als 7.5 % erwirtschaftet. Die gute Kursentwicklung bei Aktien hat dazu geführt, dass diese Anlageklasse erstmals mit knapp einem Drittel die Obligationen als grösste Portfolioposition abgelöst hat. Die ausserordentlich gute Rendite erlaubte, die Altersguthaben der aktiven Versicherten höher zu verzinsen – im Durchschnitt mit 2.7%. Der Rest floss in die Aufstockung der Wertschwankungsreserven bzw. Transferleistung für laufende Renten. So haben Erträge und hohe Kursgewinne auf den Vermögensanlagen zu rund zwei Drittel des Wachstums im Pensionskassenvermögen beigetragen, der Rest entfällt auf Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Beiträge. Die gute Kursentwicklung bei Aktien verdeckt jedoch das Problem extrem tiefer Nominalzinsen.

Das Leistungsziel ist in den letzten 5 Jahren um 9% Punkte gesunken

Was deine zu erwartende Vorsorgesituation auf den Punkt bringt, sind die Rückmeldungen der Vorsorgeeinrichtungen in der Studie zum Leistungsziel für einen Lohn von 80’000 Franken. Du erinnerst dich: 78’000 Franken Jahreslohn entspricht dem Schweizer Durchschnitt. Das Leistungsziel beschreibt das prozentuale Versorgungsniveau aus 1. und 2. Säule im Pensionierungszeitpunkt bezogen auf den Lohn. Das Leistungsziel ist 2017 weiter auf 71 % gesunken. Das liegt zwar noch über dem informell durch AHV und BVG gesamthaft angestrebten Ersatzquote von 60 %, ist aber in den letzten 5 Jahren um 9 % Punkte gesunken. Vereinfacht gesagt ist für einen Durchschnittslohn von 80’000 Franken das Rentenniveau in den letzten 5 Jahren um 10 % gesunken.

Zusammenfassung

Was heisst das für dich? Wenn du mehr als 78’000 Franken verdienst, darfst du davon ausgehen, dass du noch stärker von den Kürzungen betroffen bist. Schau dir an, wie viel Geld du im Ruhestand benötigst und nimm deine Vorsorge selbst in die Hand. Denn, dass aufgrund der steigenden Lebenserwartungen die Rentenleistungen sinken werden, ist praktisch unausweichlich.

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Thomas verfügt über mehr als 30 Jahre Expertise als Privatanleger in fast allen Anlageklassen und zwei Vorsorgesystemen. Er gestaltet seit vielen Jahren einfache Kunden- und Serviceerlebnisse, bewegt Menschen und Organisationen und hat ein tiefes Verständnis für die Herausforderungen von Menschen bei Finanzthemen gewonnen. Thomas bringt mit seinem Background als Doktor in Wirtschaftswissenschaften Themen einfach und pragmatisch auf den Punkt.
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