Sparen oder leben? Viele stellen sich diese Frage so, als wäre es eine Entweder-oder-Entscheidung, besonders wenn es um die Altersvorsorge geht. Entweder du geniesst das Leben heute, oder du baust Vermögen für morgen auf. Beides zusammen, so das Gefühl, geht irgendwie nicht.
Dieses Gefühl ist verbreitet. Und es ist falsch. Was wirklich hinter dem Konflikt steckt, hat wenig mit Geld zu tun. Es hat mit Psychologie zu tun.
Sparen oder leben: Warum wir uns so schwer entscheiden
Laut einer repräsentativen Umfrage der Baloise und YouGov aus dem Jahr 2025 halten 79 % der Schweizerinnen und Schweizer regelmässiges Sparen für wichtig. Tatsächlich zurückgelegt haben in den vorangegangenen sechs Monaten aber nur 47 %. Mehr als die Hälfte aller Befragten weiss, was sie tun sollte, und tut es trotzdem nicht. Das ist kein Willensproblem. Das ist ein psychologisches Muster, das einen Namen hat.
Psychologen nennen es «Present Bias», zu Deutsch Gegenwartspräferenz: Unser Gehirn gewichtet das Jetzt systematisch stärker als die Zukunft. Ein Franken heute fühlt sich wertvoller an als zehn Franken in zwanzig Jahren, auch wenn das objektiv falsch ist. Eng verwandt damit ist der «Belohnungsaufschub»: die Fähigkeit, auf eine sofortige Belohnung zu verzichten, um später mehr zu bekommen. 💡
Der bekannte Marshmallow-Test aus den 1960er Jahren zeigt das anschaulich. Kindern wurde ein Marshmallow hingelegt. Wer wartete, bis der Versuchsleiter zurückkam, bekam ein zweites. Viele Kinder griffen sofort zu. Neuere Forschung hat den Test relativiert: Kinder aus unsicherem Umfeld warteten weniger lang, weil sie gelernt hatten, dass Versprechen nicht immer eingehalten werden. Das war kein Versagen des Willens, sondern eine rationale Reaktion auf Erfahrung.
Und genau da liegt die eigentliche Lektion: Wer fürs Alter spart, braucht keine eiserne Disziplin. Er braucht Struktur. Struktur schlägt Willenskraft.
Viele, die glauben, sie würden zu viel leben und zu wenig sparen, stellen sich die Frage falsch. Sparen und Leben geniessen sind kein Widerspruch. Man kann beides. Jemand, der nach der Arbeit mit dem Hund in den Wald geht, lebt sein Leben in vollen Zügen, ohne dafür viel Geld auszugeben. Ob man dabei mit dem Auto oder dem Velo fährt, entscheidet nicht darüber, ob man sein Leben geniesst. Was zählt, ist die Bewusstheit darüber, wofür man Geld ausgibt und wofür nicht.
Wir sagen umgangssprachlich gern einmal: «Das Hemd ist näher als der Rock.» Das stimmt. Aber wer immer nur das Naheliegendste priorisiert, steht irgendwann im Regen ohne Mantel. 💸
Was das im echten Leben bedeutet, zeigt ein Coaching-Beispiel: Eine Klientin kam mit 58 Jahren zu Thomas. Sie war arbeitslos geworden und machte sich erstmals ernsthaft Gedanken über ihre Rente. Gespart war wenig. Das Leben hatte immer Vorrang gehabt, das war ihr wichtig, und das war ihr gutes Recht. Beim Blick auf ihr Budget zeigte sich das Bild einer konsequent im Jetzt lebenden Person: drei Motorräder, ein ÖV-Abonnement, ein Auto. Eine leidenschaftliche Mobilitätsliebhaberin, die Alpenpässe auf verschiedenen Motorrädern genoss. Jede einzelne Ausgabe war nachvollziehbar. Zusammen hatten sie über Jahrzehnte den Spielraum für die Vorsorge aufgefressen. Die Realität holte sie erst ein, als die Arbeit wegfiel und plötzlich Klarheit über die Zahlen nötig war. Was sie erkannte: Nicht das Motorrad war das Problem. Das Fehlen einer Struktur war das Problem. Sparen oder leben lautete für sie nie die Frage. Die Frage war: Wann baue ich die Struktur auf?
Dazu unterschätzen wir fast alle den Zinseszinseffekt. Weil das Wachstum am Anfang unsichtbar klein ist, fühlt sich Warten nicht gefährlich an. Das ist ein teurer Irrtum.

Was dich jedes Jahr Verzögerung kostet
Stell dir zwei Personen vor, die in der Schweiz ins Berufsleben starten: die vife Vivienne und den easy Etienne. Beide zahlen monatlich 302 Franken in die Säule 3a ein, das ist die Hälfte des aktuellen Maximalbetrags. Beide starten ohne Startkapital.
Vivienne beginnt mit 25 Jahren und zahlt 10 Jahre lang ein. Dann hört sie auf und lässt das Geld einfach stehen bis zur Pensionierung.
Etienne beginnt erst mit 45 Jahren und zahlt fleissig 20 Jahre lang ein, doppelt so lange wie Vivienne.
Das Ergebnis bei einer Verzinsung von 6.7 % pro Jahr: ⏱️
- Vivienne geht mit rund 378’743 Franken in die Pension.
- Etienne geht mit rund 151’878 Franken in die Pension.
Vivienne hat über 226’000 Franken mehr, obwohl sie nur halb so lange eingezahlt hat. Etienne hat doppelt so lange gezahlt und hat trotzdem weniger. Wie ist das möglich? Vivienne hatte 40 Jahre Zeit, ihr Kapital zu vermehren. Etienne hatte nur 20.
Das frühe Starten ist mächtiger als das lange Einzahlen. Wer noch nicht angefangen hat, fängt heute an. Wie stark der Zinseszinseffekt bei deinen konkreten Zahlen wirkt, zeigt der Zinseszinsrechner von Smolio.
Aber Früh-Starten nützt wenig, wenn das Geld am falschen Ort liegt.
Sparen ist nicht Investieren: Was auf dem Konto liegt, wird weniger
Wer beim Thema sparen oder leben ans Sparkonto denkt, sitzt einem häufigen Missverständnis auf: Menschen sparen fleissig auf dem Bankkonto und glauben, damit fürs Alter vorzusorgen. Aber Sparen und Investieren sind zwei verschiedene Dinge.
Sparen bedeutet, Geld zurückzulegen und Kaufkraft zu sichern. Investieren bedeutet, Geld für sich arbeiten zu lassen und Vermögen aufzubauen.
Ein Schweizer Sparkonto zahlt heute Zinsen von rund 0.5 bis 1 % pro Jahr. Die Inflation frisst davon in etwa gleich viel oder mehr. Wer 10’000 Franken zwanzig Jahre lang auf dem Sparkonto belässt, hat am Ende nominal fast denselben Betrag, real aber deutlich weniger Kaufkraft. Das Geld wird nicht mehr, es wird weniger wert. 📉
Sparen ist der erste Schritt. Du brauchst einen Notgroschen auf dem Konto, drei bis sechs Monatsausgaben für unerwartete Situationen. Das ist sinnvoll und notwendig.
Investieren ist der zweite Schritt. Alles, was über den Notgroschen hinausgeht und langfristig nicht gebraucht wird, sollte angelegt werden. Vorzugsweise in kostengünstige ETFs, die breit diversifiziert und transparent sind.
Auch die Säule 3a folgt dieser Logik: Ein 3a-Konto mit 0.5 % Zins spart zwar Steuern, lässt das Geld aber kaum wachsen. Ein 3a-Depot mit ETF-Fonds verbindet den Steuervorteil mit realen Renditechancen. Das ist der Unterschied zwischen Sparen und Investieren in der Praxis.

Warum Willenskraft allein nicht reicht
Der Present Bias ist kein Denkfehler, den man wegdiskutieren kann. Er ist tief verankert. Wer sich fragt, ob er sparen oder leben soll, stellt die falsche Frage. Die richtige Frage lautet: Wie überliste ich mein eigenes Gehirn? Dies gelingt mit ein paar konkreten Denk- und Verhaltensstrategien aus der Verhaltensforschung.
Kontrolliere, worauf du deine Aufmerksamkeit richtest. Die Kinder im Marshmallow-Test, die am längsten warteten, lenkten sich aktiv ab: Sie schauten weg, sangen, deckten das Marshmallow ab. Was aus den Augen ist, ist aus dem Sinn. Auf die Finanzen übertragen: Wenn du weisst, dass du beim nächsten Ausverkauf schwach wirst, richte deine Aufmerksamkeit bewusst woanders hin. Intentional Spending, also bewusstes Geldausgeben, hilft dabei: Du entscheidest im Voraus, wofür du Geld ausgibst, statt im Moment zu reagieren. Das Prinzip «darüber schlafen» ist unterschätzt.
Male dir die Zukunft aus. Eine wirkungsvolle Technik ist, sich den Ruhestand möglichst konkret und bildhaft vorzustellen: Wo lebst du? Was machst du morgens? Wovon lebst du? Wer sich die Belohnung am Ende der Reise vorstellen kann, hält die Reise länger durch. Das ist kein Motivationstrick, sondern ein bekannter Befund aus der Verhaltensökonomie.
Relativiere die Verlockung im Jetzt. Die Gegenfrage lohnt sich: «Würde ich das morgen noch kaufen wollen?» Oft entpuppt sich eine vermeintliche Notwendigkeit als Gewohnheit oder Impuls. 👉 Tipp: Spar-Entscheide, die sich gross anfühlen, mindestens eine Nacht schlafen lassen.
Setze dir ein konkretes Ziel. «Irgendwann mehr sparen» funktioniert nicht. «Ab dem 1. November überweise ich monatlich 200 Franken automatisch auf mein Vorsorgekonto» funktioniert. Finanzielle Ziele setzen ist keine Fleissübung, es ist die Grundlage. Übrigens: Wer herausfinden möchte, welcher Spartyp er ist und was das für die eigene Vorsorge bedeutet, findet bei den sieben Spartypen einen guten Einstieg.
Sparen oder leben in drei Schritten: So startest du heute
Psychologie hin oder her, irgendwann muss man konkret werden. Hier ist ein einfacher, dreistufiger Einstieg ohne Komplexität und ohne Perfektionismus.
Schritt 1: Notgroschen aufbauen
Bevor du investierst, brauchst du eine Liquiditätsreserve. In der Schweiz empfiehlt sich ein Notgroschen von drei Monatsausgaben auf einem Sparkonto, für unerwartete Ausgaben. Kündigung, Zahnarzt, kaputtes Auto: Das Leben produziert regelmässig Kosten, die man nicht plant. Wer keinen Puffer hat, liquidiert im Ernstfall seine Investitionen zum falschen Zeitpunkt.
Schritt 2: Dauerauftrag einrichten
Das ist der entscheidende Schritt, sobald der Notgroschen steht. Richte einen Dauerauftrag ein, der am 25. des Monats automatisch einen Betrag vom Lohnkonto abzieht und auf ein Vorsorgekonto oder Investmentkonto überweist.
Warum am 25.? In der Schweiz kommt der Lohn üblicherweise am 25. des Monats. Was direkt danach automatisch weggeht, gibst du nicht mehr aus. Du sparst, bevor du die Chance hast, das Geld zu verbrauchen. Was automatisch läuft, erfordert keine Disziplin mehr. Es passiert einfach.
Schritt 3: ETF-Sparplan starten
Mit dem Dauerauftrag fliesst das Geld automatisch in einen ETF-Sparplan. Breit diversifiziert, geringe Kosten, langfristig ausgerichtet. Auch 50 Franken pro Monat sind ein guter Anfang, wichtig ist der Start, nicht die Höhe. Eine konkrete und einsteigerfreundliche Möglichkeit ist etwa finpension Invest, eine Schweizer Lösung für die freie Vorsorge (Säule 3b) mit ETF-Anlage ab kleinen Beträgen.
Das Ziel dieser drei Schritte ist nicht Perfektion. Es ist Bewegung. Ein Dauerauftrag über 50 Franken heute ist besser als ein perfekter Plan in drei Jahren.

Zusammenfassung: Sparen oder leben in der Schweiz
Sparen oder leben ist keine Entweder-oder-Entscheidung. Es ist eine Frage der Struktur. Unser Gehirn neigt dazu, das Jetzt überzugewichten, das ist Present Bias, und er lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber er lässt sich durch Automatisierung, bewusste Ziele und ein klareres Bild der eigenen Zukunft ausgleichen.
Wer früh anfängt, profitiert überproportional vom Zinseszinseffekt, wie das Beispiel von Vivienne und Etienne zeigt. Wer investiert statt nur spart, lässt sein Geld real wachsen. Und wer einen Dauerauftrag am 25. des Monats einrichtet, spart automatisch, ohne jeden Monat neu entscheiden zu müssen.
Thomas fasst es so zusammen: «Sparen ist Schritt 1. Investieren ist Schritt 2. Wer beim ersten Schritt stehen bleibt, läuft zwar, kommt aber nicht ans Ziel.»

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Häufige Fragen Geld sparen oder leben in der Schweiz
Sparen oder leben: Muss ich mich entscheiden?
Nein. Sparen oder Leben geniessen schliessen sich nicht aus. Wer eine einfache Sparstruktur aufbaut, etwa einen Dauerauftrag am 25. des Monats, kann beides haben, ohne jeden Monat neu abwägen zu müssen. Geld sparen oder leben ist so kein Widerspruch.
Wie viel vom Lohn sparen Schweiz?
Als Faustregel empfiehlt sich eine Sparquote von 10 bis 20 % des Nettoeinkommens. Wer mit der Säule 3a beginnt und den Maximalbetrag von 7’258 Franken pro Jahr einzahlt, ist bereits auf einem guten Weg.
Was ist Present Bias?
Present Bias, auf Deutsch Gegenwartspräferenz, ist die Tendenz unseres Gehirns, sofortige Belohnungen stärker zu gewichten als zukünftige Vorteile. Er erklärt, warum wir Altersvorsorge aufschieben, obwohl wir wissen, dass wir sie angehen sollten.
Warum reicht das Sparkonto nicht für die Altersvorsorge?
Ein Schweizer Sparkonto zahlt heute rund 0.5 bis 1 % Zinsen pro Jahr, während die Inflation etwa gleich viel oder mehr frisst. Das Geld wächst nominal kaum und verliert real an Kaufkraft. Wer fürs Alter vorsorgen will, muss investieren, nicht nur sparen.
Mit Sparen anfangen: Wie viel pro Monat reicht?
Auch 50 Franken pro Monat sind ein guter Anfang. Wichtiger als die Höhe ist der Start, denn der Zinseszinseffekt wirkt umso stärker, je früher man beginnt.
Last update: 28.04.2026 18:24